„Meine Mutter hat gesagt, geh und kauf Brot. Ich bin ins Brotgeschäft gegangen, das war voller Menschen. Und als ich dran war, sagte die Frau: Juden verkaufe ich kein Brot. Keiner hat was dazu gesagt, und ich bin mit rotem Kopf und nassen Hosen rausgegangen aus dem Laden. …

Die Nachbarn haben uns ignoriert, oder wir wurden angepöbelt. …

Wir sind dann zur großen Synagoge gegangen. Die brannte, und die Leute haben gelacht. … Ich habe gesehen, wie ein Lehrer mit seinen Schülern kam, und ihnen gezeigt hat, wie man die Fenster einschlägt. Und die Kinder nahmen die Steine und schlugen die Fenster ein. …“

Dies sind Erinnerungen von Mirjam Pollin, die in der Zeit des Nationalsozialismus aufwuchs und diese Zeit in den Worten zusammenfasst: „Meine Kindheit in Hamburg war Angst.“

Die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wird als Reichspogromnacht bezeichnet. Sie war der Auftakt zum größten Völkermord in Europa und zu zahllosen brutalen Verbrechen an Jüdinnen und Juden, Sinti*zze, Rom*nja, Homosexuellen, politisch Andersdenkenden, Kranken, Widerstandskämpfer*innen. Der Gipfel an Unmenschlichkeit, der nach jahrelanger Indoktrination durch nationalsozialistisches und völkisches Gedankengut bei vielen Menschen Wurzeln geschlagen hatte und mörderische Blüten trieb.

Die unfassbaren Geschehnisse, die Mirjam als kleines Mädchen erleben musste, spielten sich im ganzen Land ähnlich ab. Doch wie konnte es geschehen, dass einst freundliche Nachbarn, die Bäckersfrau, Lehrer und deren Schüler und andere „ganz normale Menschen“ bei diesem Szenario mitwirkten? Wie konnte es geschehen, dass einst brave Bürger eine widerliche Hetzrede Goebbels, die er am 9.11.1938 hielt, und in der er betonte, dass die NSDAP zwar selbst keine Aktionen plane, „spontan stattfindende Gewaltausbrüche“ seitens der Bevölkerung aber nicht behindern werde, zum Anlass nahmen, ihre unbescholtenen jüdischen Mitbürger*innen mit Handlungen voller Brutalität, bis hin zum Mord, anzugehen?

Jahre und Jahrzehnte später wuschen viele dieser Leute ihre Hände in Unschuld. Doch:
„Es kann mir … keiner sagen, dass sie nichts gewusst hätten“, sagt Mirjam Pollin.

Und so müssen wir alle uns fragen:

Wie kann es sein, dass extremistisches Gedankengut wieder Einzug hält in unsere Gesellschaft?

Dass eine Partei, die vom Bundesamt für Verfassungsschutz als Verdachtsfall eingestuft wird, im Bundestag sitzt?

Dass orchestrierte Trollarmeen im Internet antidemokratische und verfassungsfeindliche Posts und Kommentare absondern und Feindeslisten veröffentlichen, oftmals unter dem Deckmäntelchen der Meinungsfreiheit? (Um es nochmals in aller Deutlichkeit zu sagen: Hass und Hetze sind keine Meinung!)

Wie kann es sein, dass antisemitische, rassistische und antiqueere Gewalttaten zunehmen, dass in unserem Land Unterkünfte für Geflüchtete brennen und Leute unter solche Meldungen Lach-Emojis setzen?

Dass wir uns immer mehr mit stochastischem Terrorismus auseinandersetzen müssen und uns in diesem Zusammenhang Namen wie Alex, Malte, Walter Lübcke und Frau Dr. Kellermayr in den Sinn kommen, wie auch der Sturm auf das Capitol in Washington?

Wie konnte es so weit kommen?

Widerstandskämpfer*innen wie Sophie Scholl haben in den dunklen Zeiten des nationalsozialistischen Regimes ihr Leben riskiert, um den Menschen die Augen zu öffnen. Niemand kann sich heutzutage mit dieser Situation vergleichen.

Denn für uns alle ist es ein Leichtes, der stärker werdenden Strömung von rechtsaußen konsequent die Stirn zu bieten, uns vereint dagegen zu stellen, um unsere Demokratie, und alle, die in ihrem Sinne friedlich miteinander leben wollen, zu schützen.

Also lasst es uns tun.

Es ist an der Zeit.